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Einbildung ist auch eine Wortbildung 16.12.2007 @ 19:30
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Einbildung ist auch eine Wortbildung
16. Dez 2007


In der heutigen Geschäftswelt ist das Überleben keine Selbstverständlichkeit mehr. Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit. Location, Location, Location. Ein Rappen gespart, ist ein Rappen verdient. Der Kunde ist König. Innovation, oder Kastration. Der Kunde ist König. Der Chef der mit allen Wassern gewaschen ist , ist garantiert nicht sauber. Bla bla bla.

Was ich damit sagen möchte hab ich längst vergessen, doch das heutige Thema ist Bildung. Genauer gesagt, Weiterbildung. Zu einer solchen wurde ich nämlich kürzlich geschäftsbedingt geschickt - und es war nicht hübsch. Das Ganze hiess Bankfach für Informatiker und dauerte 2x je 5 Tage. Ziel der Weiterbildung war, meine verkümmerten Banking Kenntnisse wieder auf Top Performance zu schleifen und natürlich das Ausbildungsbudget gegen Ende Jahr ums verrecken noch auszuschöpfen, weil es sonst nächstes Jahr gekürzt würde.


Albrecht Müller
(nachdem er Banker und outgesourced wurde)

Das Ganze fand in Babylon (auch "Zürich" genannt) statt, was zur Folge hatte, dass ich jeweils um 05:45 aufstehen musste. Entsprechend gut gelaunt war ich, und entsprechend viel Shit würden die Mitkursbesucher von mir kassieren, doch eines nach dem anderen. Die erste Frage, die sich einem stellt ist: was ist der Dresscode? Bankfach für Informatiker enthält zwei völlig verschiedene Welten. Einerseits das Banking, ein Gebiet in dem man sich so kleidet, wie wenn man an eine Pinguin Verkleidungsparty für Leute ohne Rückgrad aber dafür Besen im Hintern eingeladen worden wäre und Informatik, wo kurze Hosen und Sandalen als overdressed,eine Uhr mit USB Stick und Handy am Gürtel als "voll Laufsteg" gelten. Da ich nicht schon am ersten Tag auffallen wollte, beschloss ich den Mittelweg zu nehmen und schlüpfte in mein Superman Dress. Gross zu lachen gibt's da eigentlich nichts, denn in den nächsten Tagen würde ich diverse Super-Fähigkeiten dringendst brauchen. Supernerven, Supergeduld und wenn alles nichts nützt, Superkopfstoss. Aber ich greife schon wieder vor... beginnen wir beim

Wie wir ihn uns vorstellen: Der IT Spezialist (hier, 5min vor ner Hochzeit, drum die 'schönen' Hosen am Start)

Bahnhof

Eine überdimensionierte Kaninchenfarm mit lauter verschiedenfarbiger Bunnies, die scheinbar ziellos durch die Gegend hoppsen. Jeder versucht verzweifelt in einer direkten Linie zum Ziel zu gelangen. Logischerweise funktioniert das nicht und kollisionsverhindernde Kursabweichungen mit Kurskorrekturen (die im Nanosekundenbereich entschieden und vorgenommen werden) sind das zwingende Resultat. Wenn man die Leute beobachtet fällt einem sofort auf, welches hier die Profis sind.

Mikroevolution vom feinsten; die neue Menschenrasse "Homo Comevaius", oder besser bekannt als "Pendler", fühlt sich im Bahnhof besonders wohl. Der Begriff "Homo Comevaius" stammt - wie sehr wenige wissen, aber dafür habt Ihr ja mich, den Experten - aus dem Italienischen. "Come vai" heisst auf italienisch "Komm, Geh". Im alten Rom mussten Angestellte der führenden email Dienste die Botschaften ja zu Fuss ausliefern. Z.B. schickte Mauritius Vollimanus eine Botschaft von Milano nach Rom, um seinen Bruder über kritische Geschehnisse zu informieren. Der Emailer rannte also nach Rom und nachdem er den Galliern ausgewichen und den Gründungswölfen entkommen war, legte er schliesslich die Nachricht Ichauus Vollimanus vor. Dieser riss die Botschaft auf und las vor: "Bin grad an Modeschau. Goile Tiddn!"... und schickte den Emailer mit der dringenden Botschaft "hehe. Sau!" zurück nach Milano. Da der Emailer höchstens 1 Minute in Rom blieb, wurde dieser mit Come (Komm) und Vai (Geh) empfangen und auch zugleich verabschiedet. Manchmal wurden auch CC : Nachrichten verschickt. Da wurde einfach ein zusätzlicher Emailer beauftragt dem Original Emailer zu folgen und eine identische Nachricht an einen weiteren Empfänger vor Ort auszuliefern. Man musste einfach den zusätzlichen Emailer holen, auf den Original Emailer zeigen bevor dieser losrannte und sagen: "Vaia Con Dios" (Geh mit diesem da). Aber ich geh da jetzt zu sehr ins Detail, frühe Übertragungsprotokolle sind zwar interessant, aber auch nur für Informatik Fanatiker.

Heute erkennt man Pendler an der Fähigkeit Plätze mit grossem Menschenandrang (wie Bahnhöfe, Tramstationen, Märkte etc) mit einem absoluten Minimum an Kurskorrekturen zu meistern. Während der casual Bahnhofsüberquerer bis zu 6 mal in 10 Sekunden ausweichen muss, schafft es ein ausgewachsener Pendler mit 0-2 Ausweichmanövern auszukommen.

Der Pendler hat im laufe der Mikroevolution dazu verschiedene Fähigkeiten entwickelt. Alle dienen dazu den niedereren Lebensformen klar zu machen: ICH habs eiliger als DU und kann es mir nicht leisten, vom Kurs abzukommen. Das Hauptwerkzeug ist der Blick. Streng und doch weit aufgerissen ist er 1.5m vor sich auf den Boden gerichtet und drückt er aus: "Seht wie gehetzt ich bin! Und ich mache keinen Blickkontakt, also seh ich Euch evtl nicht und pralle gleich mit Euch zusammen, wenn IHR nicht ausweicht". Fortgeschrittene Pendler haben die Fähigkeit erlernt, in den Augen kleine Adern wachsen zu lassen und auf der Stirn auf Kommando Hetz-Schweiss entstehen zu lassen.

Der Gesichtsausdruck ist eine clevere Mischung von Apathie und Entschlossenheit. Die Arme hängen steif und leblos am Körper entlang, sind aber bei Kollision so hart wie Granit. Die Hüften sind locker und geben dem Torso die Fähigkeit bei einem Zusammenprall die kenetische Energie durch Rotation am Körperzentrum vorbeizuleiten wodurch grössere Kursabweichungen weiter verhindert werden können.


Für alle anderen ist der Gang durch den Bahnhof wie ein überdimensionales Flipper Spiel. Doch auch wir sind nicht völlig hilflos. Ein guter Trick sich durchzusetzen ist natürlich der "Jumbo Becher heisser Kaffee" den man (leer) vor sich hält. Aber auch die "Würden Sie mich bitte entschuldigen, wenns keine Umstände macht würde ich gerne mal kotzen?" Trick mit der Hand vor dem Munde. Ich plane fürs 2009 einen Rottweiler Begleitservice. Eigangs Bahnhof kann man ein paar Rottweiler schnappen, so ähnlich wie das 20Minuten, und dann - mit Garantie - ohne eine Kursabweichung direkt zum entsprechenden Zug gehen.

Erstmal im Zug eingestiegen geht's wiederum los... einen Platz finden. Der Ausdruck "finden" ist natürlich falsch. Wenn man sich auf den ersten freien Platz setzen würde, hätte man nach ein paar Schritten einen Platz gefunden. Doch sobald wir den Zug betreten verwandeln wir uns zu kleinen Dr House Amateuren. Mit einem scheinbar flüchtigen Blick in ein Abteil versuchen wir das Leben sämtlicher Personen zu erraten und abzuwägen, ob sie der unmittelbaren Präsenz unserer Arschbacken würdig sind.

"Hmm... hier? Der Knacki da guckt dumm wenn ich später mein Redbull trinke, aber spätestens nach 5 Minuten nickt der ein. Die Frau gegenüber scheint auf den ersten Blick ein hysterische Freilandgans zu sein, die während der ganzen Zugfahrt in der Tasche rumkramen oder das Handy auf und zu klappen muss... doch halt nein, das ist bloss der Liedschatten im gepflegten Strassendamen Blau, also auch safe. Dann noch ein Teenager Chick, normal angezogen, normaler Blick... ja, dieses Abteil scheint ok zu sein. HALT! Das Teenager Chick hat eine Halskette mit Herzchen! Auf der Innenseite ihres Handgelenks hat sie dieselbe Herzform gemalt und "Örkan" geschrieben. Die Haut ist leicht dunkel gefärbt weil... OMG, weil sie ihr Handy nicht hält, sondern fast zerdrückt! SIE IST VERLIEBT! Sie ist verliebt und wartet verzweifelt auf einen Anruf von ihrem Örkan. Sie ist ein Teeny, das heisst sie verbringt die Zeit damit den Zahltag von Daddy mit dem Runterladen von Jamba Klingeltönen wie z.B. "Justin Timberlake: Alle seine Songs am Stück" zu verprassen. Das Handy hat sie auf "Flashbang" gestellt und wenn das Ding los geht, werden sich die Leute im Umkreis von 4 Abteilen mit mehrfachen Gehörknöchelbrüchen windend auf dem Boden wälzen.

All dies Geschah in einem Bruchteil einer Sekunde. Schon erstaunlich wozu wir Fähig sind... wenn ich daran denke, dass ich mindestens 3x mit "Hä??" antworte, wenn mich eine nichtattraktive Frau darum bittet ihr zu helfen die Einkäufe wo hochzutragen...

Nachdem ich mich durch diverse Abteile hindurchgeshopped hatte, vorbei an den Typen, die offenbar von einem Triathlon kommen und keine Zeit zum Duschen hatten, vorbei an den älteren Damen, die stundenlang was vor sich hinmurmeln und mit dem Kopf vor und zurücknicken, vorbei an den "wichtigen" Geschäftsmännern im Anzug mit aufgeklappten Laptops, bereitgelegten Handys und ausgebreiteten Charts die "WACHSTUM gut, NICHT WACHSTUM schlecht" und "Swissair Aktien kaufen!!!" von Hand druntergekritzelt haben... fand ich schliesslich ein idyllisches Abteil mit 2 sich anschreienden Kindern, einem komisch zuckenden Mann, der konstant seine Schusswaffe lud und entlud und einer Frau. Ich setzte mich und machte es mir gemütlich und... hä? was ist? was? achso... jajajaja ich geb's ja zu, die Frau hatte einen RIESIGEN Ausschnitt, ZUFRIEDEN???

Hier eine kleine Hilfestellung für noch unerfahrene Zugfahrer:

Wer bei diesem Abteil tatsächlich Tipps braucht, sollte gar nicht erst Zug fahren.
Björn, oder für wen er sich ausgibt mag vielleicht der lockere Student auf Europareise sein, aber seine käsigen Schenkel vermitteln etwas nderes. Vermeiden!
Im Detail liegt der trockene Hund begraben. Genausowenig wie dieser Spruch macht es Sinn, sich neben dieser Gestalt hinzusetzen.
"Harmlos" denkt der Amateur. Doch der Typ rechts hat bestimmt das "Ausweidungs-Messer Weekly" aufgeschlagen und die Blumen rechts werden ihren Bestimmungsort nie erreichen.
Einigermassen passables Abteil. Geht ok, wird aber garantiert langweilig. Typische "auf der Bananenschale ausgerutscht"-Witze müssen erwartet werden. Kann also ok gehen, Mp3 Player, PSP, Pocket PC usw sind aber Pflicht!
Na also. Wir kommen der Sache näher. Dieses Abteil ist ausgezeichnet. Bestimmt jede Menge Spass und wer weiss was noch. Da die Östros aber klar überwiegen, sollte ein solches Abteil während der Zeit in der die Frauen Ihre Tage haben aus dramatechnischen Gründen vermieden werden (1. Woche Februar, ganzer April + Juni, Ende Oktober und jeden Mittwoch von 11 - 15.50 Uhr).
Wer bei diesem Abteil tatsächlich Tipps braucht, sollte gar nicht erst Zug fahren.

Irgendwann rollte der Zug in Babylon ein. Wenn mich jemand an dieser Stelle gefragt hätte wo die Alpen sind, hätte ich gesagt irgendwo zwischen Basel und Zürich. Doch bevor ich mich vom Gebirge lösen konnte, wurde ich von der Zug Alpha Rasse derbe geweckt: Pendler Ausflug!

Ein Pendler-Welpe übt die korrekte
Distanz zum Zugausgang einzuhalten.

Erster sein ist alles! Wer zuerst zur Tür raus
kommt, spart bis zu 13 Sekunden!
(die er dann beim Tram länger wartet)

Wie Hunde, die demnächst zur Fütterung aus dem Käfig gelassen würden, drängeln sie sich ein paar Sekunden vor der Ankunft wie Panzer zum Ausgang. Hier muss ich präzisieren... ein paar Sekunden ist in nicht-Pendler Zeit irgendwo zwischen 15 Minuten und einer Stunde anzusiedeln. Die meisten Pendler steigen z.B. in Basel ein, gehen nervös durch den Zug und stehen gleich am anderen Ende sofort wieder vor den Eingang. Erster sein ist alles. Mit "wie Panzer" meine ich nicht nur "ohne für Hindernisse zu stoppen", sondern ich sprech damit vielmehr die Fähigkeit an, den unteren Teil unabhängig vom oberen Teil manövrieren zu können. Wenn sie nämlich zum ausgang drängeln, tun sie dies, leicht beschämt, dass der Zug noch 50km vom Bahnhof entfernt ist, völlig nonchalant und so entspannt aussehend wie möglich. "la la la, ich spaziere durch den Zug, wer weiss, vielleicht geh ich ja nur auf die Toilette pfunden und gar nicht zum Ausgang", sagt ihre unschuldige Miene, während aber die Füsse in kurzen, bestimmten, walzenden panzerraupenähnlichen Schritten vollgas Richtung Ziel powern. An der Ausgangstür angekommen, stehen sie - gegen aussen völlig locker und légère - so nahe an die Tür, damit keine zwei Atome mehr vor ihnen (geschweige denn ein anderer Pendler) Platz hätte. Noch immer bemittleide ich das alte Fräulein, das mal aus der Toilette kam, just als sich die Zugtüren öffneten. Sie würde von der Pendlerflut erfasst und brauchte 16 Tage um wieder zum Bahnhof zurückzuwandern.

Jedenfalls war ich froh endlich aus diesem Ding aussteigen zu können, und als ich beim Eingang war konnte ich entfernt, aber laut hören wie irgendwo Justin "I'M BRINGING SEXY BACK!!!" dröhnte und ein paar Körper leblos auf dem Boden aufschlugen. Was ich aber noch nicht wusste: Meine Reise war noch nicht zu Ende. Am Zürcher Hauptbahnhof heftete ich mich an einen Pendler und profitierte so vom günstigen Windschatten. Bei Gelegenheit sprang ich auf einen anderen Pendler auf, der mehr in meine gewünschte Richtung zog. Wie ein kanadischer Baumfäller sprang ich von Baumstamm zu Baumstamm, bis ich schliesslich das andere Ufer (aber noch immer hetero) erreichte. Aufgelöst war das andere Ufer die Tramstation des 13er Trams. Eine Station davor muss sich offenbar ein Riss im Raum/Zeit Kontinuum befunden haben, denn das Tram das da um die Kurve gerostet kam schien aus der Renaissance zu stammen. Es hatte noch 3 Anhänger im Schlepptau und so Platz für ungefähr 100 Personen. Ich nahm also komfortabel mit den anderen 430 Personen im Tram platz und studierte, ob solche innere Verletzungen auch als "Nichtbetriebs Unfall" der SUVA angegeben werden konnten.

Aus irgendeinem unerklärlichem Grund (echt jetzt) machte das Tram auf dem Weg insgesamt mindestens 4 Vollbremsungen (oh moment, hier gehört's hin: "echt jetzt!"). Wenn es zwischen den Passanten noch ein paar Molekühle Platz gehabt hätte, wäre es bestimmt zu zahlreichen (weiteren) Verletzungen gekommen. Naja, irgendwann kam dann die Lautsprecher Ansage:

"Sehr geehrte Fahrgäste und Fahrgästinnen und ausländische Fahrgäste und Fahrgästinnen und übergewichtige-, nichtchristlich religionisierte-, behinderte-, seniorisierte- und nur Realschul-besucht-habende Fahrgäste und Fahrgästinnen, wir entschuldigen uns für die Verspätungen. Heute ist aber viel Laub gefallen und zum Teil auch auf die Schienen."

ICH VERSPRECHE (nur Deppen schwören), das war der Grund den er Angegeben hat. LAUB. Laub fällt auf das Zürcher Verkehrsnetz und man muss die Armee aktivieren. WHAT THE FUCK??! Und was wird aus meinem Plan, möglichst früh dort zu sein um meine SS Taktik fahren zu können? (SS= Schnelles Sitzen). Mich schauderte der Gedanke was wohl in Babylon passiert, wenn es mal schneien würde...

Nun, schliesslich kam ich am Kursort an. Kurort wäre zwar treffender, denn der Kurs fand in den Sitzungsräumen eines Viersterne-Hotels statt. Wie würde wohl dieser Sitzungsraum aussehen, indem ich 2 Wochen verbringen werde? Wer sich an dieser Stelle eine Turnhalle mit Wasserfällen, frei rumspringenden Rehkitzen und geschmacksvoll mit exotischen Blumen dekorierten Wänden vorstellt ist entweder eine Frau, oder Stockschwul. Aber worauf ich hinaus will: Bei etwa 14 Teilnehmern hatte ich einen Raum erwartet, in dem es wenigstens möglich war eine kleine Kaugummiblase zu machen ohne sie von der Wand gegenüber abkratzen zu müssen. Ich betrat das Zimmer und sah mich um: rustikale Holztische, rustikale Holzstühle, rustikaler Holzboden. Was zum Kack heisst eigentlich rustikal, und warum hasse ich es so? Laut Wikipedia heissts "schlicht, bäuerlich, grob". Laut Arschhundpedia heissts "alt, und way zu viel dafür bezahlt, Idiot".

Der Tisch war lang und erinnerte an den "Dinner for One" Tisch, mit der Ausnahme, dass man hier über nichts stolpern konnte, ausser über seine eigenen Aussagen, aber dazu komme ich später (und wer gut aufpasst, wird's auch merken wann). Am einen Ende war noch zusätzlich ein Pult + Hellraum Projektor für den Referenten. Also sass ich natürlich ans am weitest entfernteste Ende, aber einen Tick abseits vom direkten Blickkontakt. Eine bewährte Strategie. Aber auch gibt es bereits wieder Relativierungsbedarf. Die Stühle waren sehr sehr sehr rustikal (AHpedia)! Ich hätte zuerst wetten können, dass auf diesen irgendwann mal Arbeiter sassen, die das 13er Tram gebaut haben, doch dann erblickte ich am Stuhlbein ein eingeritztes Herz in dem Stand: Caesar + Cleopatra.

Schliesslich begann sich der Raum zu füllen. Immer mehr Kursteilnehmer (Dimwits, wie ich sie bis mir das Gegenteil bewiesen wird nenne) betraten den Raum und verloren schon mal Selbstsicherheitspunkte, weil sie den peinlichen "oh hallo äh, ah hehe, bin neu hier, also ja ihr auch, aber ihr hockt ja schon, äh, dann... öh zum Stuhl, öh ist hier noch frei äh, hock mal hin, Schweiss, äh, oh, rustikal..."-Moment durchleben mussten. Solch amateurhaftes Verhalten löst in meinem inneren Verhaltensforscher Brechreiz aus. Dann kam der Kursleiter und verteilte erstmal Namensschilder. Es waren der länge nach gefaltete A4 Blätter, die man eigentlich hätte aufstellen sollen, bloss hatte es nach 2 Schildern keinen Platz mehr auf dem Tisch. Ausserdem waren die Namen offenbar auf Seidenpapier gedruckt, sodass es unmöglich war das Dingens zum stehen zu kriegen (*Für Schreiberlehrlinge: Hier einen gezielten Viagrajoke bringen*), ohne dass man nicht mindestens einen Braungurt im Origami hatte.

Danach war es Zeit für SS Taktikphase 2. Dank dem schnellen Sitzen konnte ich in Ruhe jeden Teilnehmer einzeln studieren und mir, bis er endlich nervös einen Stuhl ausgewählt hatte, bereits ein sehr detailliertes Bild von seiner Art, Arbeitsweise, ja sogar von seinen Bedürfnissen und geheimen Wünschen machen. Nachdem alle 13 angekommen waren hatte ich also 13 Einzelanalysen. Wenn man sie ausdrucken und die Blätter übereinander und gegens Licht halten würde, würde man folgendes sehen:

Mit meiner Analyse zufrieden war ich auf meinen nächsten Leckerbissen gespannt... und nachdem sich der Referent vorgestellt hatte schloss er auch wie erwartet damit ab:
"...und soviel zu meiner Kindheit, doch genug zu mir, ich schlage vor, dass wir durch die Runde gehen, und jeder sich kurz vorstellt".

Aaahahahahahahahahaha, YES! Mein Lieblingsteil! Die berühmte Kotparfümierungsrunde! Der Moment wo jeder Vollidiot aus irgendeinem Grund das Gefühl hat, er müsse sich vor völlig Fremden, die er auch danach nie wieder sehen wird, unverschämt ins unendliche selbstprofilieren. Der Loser, der in der IT bei der Kabelputzabteilung die Aschenbecher leert ist dann plötzlich der "LAN-Maintanance Maintainer", der Depp der für dei Grossfirma in 14 Gebäuden das A4 Papier nachfüllen muss ist der "Document Resource Provider" und der outgesourcte WC Putzer der bei besonders deftigen Fällen aufgeboten wird ist dann der "Workflow Enabler".

Schliesslich kam ich an die Reihe und musste natürlich im spielverderben glänzen.
"Holla Allerseits. Ich heisse -DJ- und arbeite bei "meinem Arbeitgeber" (den ich aus fristlosfeuertechnischen Gründen an dieser Stelle unerwähnt lassen möchte). Aber genug von dem langweiligen Geschäftszeugs, ich hab mal wo gelesen, je geringer die Potenz, desto mehr redet man über die Arbeit, ha ha ha... oh... versteht Ihr Baslerdeutsch (jaja, stellt's Euch vor), oder muss ichs übersetzen, das war doch eben ein Witz haaa haha! Anyways, ich LIEBE es zu malen, gehe gerne mit meinem Lieblingspferd reiten, habe ein faible für romantische Filme und finde Ehrlichkeit ist heute leider etwas viel zu seltenes. So, nun bitte wieder der nächste, oh lasst mich raten, Sie... Sie sind Banker und für die Liquiden Mittel der gesamten Bank zuständig oder? Oder tragen Sie einfach zufällig eine Selecta-Tasche? HAR HAR HAR"

Naja, was soll ich sagen? Ich war wiedermal beliebt. Das nächste schallende Gelächter kassierte aber der Referent, als er die erste Folie auf den Hellraumprojektor legte. Entnervt wollte er wissen was denn sei, und ob ich mir eigentlich nicht blöd vorkäme. Die Frage des "Wer" sich blöde vorkommt war jedoch schnell geklärt. Nachdem ich ihn darauf hingewiesen hatte, dass dieser 2 wöchige Kurs "Bankfach für Informatiker" hiess und er aber im Zeitalter in dem jeder Aschenbecher einen eingebauter Beamer hat, noch am Folien auflegen sei, setzte er leicht irritiert die Lektion fort.

Während des Kurses nervte mich noch was. Immer wieder kam es vor, dass sich gewisse Leute plötzlich das Handy ans Ohr hielten, hochschellten und eilig - aber diskret wie der Pauker in der Bibliothek - aus dem Raum wetzten. 5-15 Minute später kamen sie dann jeweils ganz entspannt zurück, also ob sie gerade die amerikanische Hypokrise gelöst hätten. Also wartete ich bis wieder einer den "OMFG, muss sofort meine 4.5 Millionen Pfund gegen Dänische Kronen hedgen gehen, habe grad was wichtiges Erfahren!" brachte und mit dem Handy am Ohr zur Tür eilte. Kurz bevor er zur Tür raus ging rief ich: "Linker Stall! Rechts ist das Klopapier alle!" Solche simple Lösungen halten Störungen (welche NICHT von mir kommen) auf dem absoluten Minimum.

Aber diese Typen sind nicht das schlimmste Übel. Nein, die Mutter aller Enervierungen ist der "Halt die Fresse, verdammt nochmal!"-Typ. Ich nenn diese Typen so, weil ich sobald sie den Mund öffnen und zu sprechen beginnen, meine ganze Energie auf den Hirnteil leiten muss, der verhindert, dass ich diesen Satz laut sage. "Halt die Fresse, verdammt nochmal!". Es gibt ihn in verschiedenen Formen. Der absolut schlimmste, ist der Typ der in ner Sitzung hockt, absolut nichts konstruktives dazu beizutragen hat, aber das Gefühl hat ebenfalls was sagen zu müssen, weil die meisten anderen was gesagt haben. Besonders oft hört man ihn gegen Schluss, wenn es heisst: "Hat jemand noch Fragen?". Diese Gelegenheit ermöglicht ihm nämlich trotzdem noch ein bisschen mit Fremdwörtern und Fachjargon zu protzen, ohne aber dabei allzu deutlich demonstrieren zu müssen, dass er keine Ahnung von der Materie hat - denn es ist ja bloss eine Frage! In der Regel stellen Sie aber eine Frage, deren Antwort ihre Auffassungskapazität sowieso um ein xfaches sprengen würde, ein Grund mehr ihn zu hassen.





NOCH FRAGEN????

Es gibt verschiedene Konter-Arten, ich empfehle aber die altbewährte "Kopf in die Toilette und spül" Variante. Erprobt, unkompliziert und weckt sogar noch ein bisschen nostalgische Gefühle.

Ebenfalls nervend sind die "Ich notiere JEDES Wort und streiche jeden Buchstaben mit dem Leuchtstift an" Typen. Für die gibt's

Tip: nehmt doch doch einfach sowas,
geht schneller. Mann seid Ihr dämlich
.

hingegen eine einfache Methode. Ich stelle am liebsten eine Frage, die eigentlich unbedeutend oder die Antwort als "logisch, weiss ja jeder" gilt, und sobald ich die Antwort erhalten habe bück ich mich, und beginne wie ein Irrer aufzuschreiben und Abschnitte in Büchern anzustreichen! Die Typen sehen das und fühlen sich wie von einem Sog angezogen EBENFALLS etwas zu notieren, es könnte ja prüfungsrelevant sein oder man könnte sonst was verpassen... doch WAS??? Was soll man aufschreiben? Man kann ihnen förmlich zusehen wie sie mit jeder Minute dem Wahnsinn näher kommen.

DJ: "Tschuldigung, aber die vergangenen zwei Tage hatte es jeweils ein Vegi Menü auf der Mittagskarte, ist dies heute auch wieder so?"
Kursleiter: "Ja, dies ist jeden Tag so."
DJ: wie wild am aufschreiben, Buch aufschlagen, grosse Augen machen, die gesamte Seite gelb einfärben, mehr aufschreiben, grosse Ausrufezeichen mit "PRÜFUNG" hinschreiben... und schon platzen dem Nachbarn ein paar Äderchen in den panisch aufgerissenen Augen... I love this game!

Im grossen Ganzen verlief der Kurs aber ohne nenneswerte Zwischenfälle. Naja, oder fast. Als das Thema "Checkbetrug" dran war, erklärte der Referent dazu: "Checkbetrüger sind fast immer Ausländer, oder Schwarze". Da war er also, der metaphorische Tigerkopf (na, aufgepasst?) und ich hatte nicht vor den Referenten aufzufangen, sondern ruckzuck die Race-Card zu zücken und ein wenig Spass mit ihm zu haben:

"Äh, sorry wenn ich unterbreche, aber wie meinen sie das genau, Ausländer und Schwarze? Ich meine wenn Sie diese Gruppen separat aufzählen, dann sprechen Sie offenbar nicht von schwarzen Ausländern, sondern schwarzen Inländern. Sie sprechen also von schwarzen Schweizern, zu welchen ich gehöre, muss ich mir nun Sorgen machen und meinem schwarzen Schweizerkollegen der unten vor der Türe mit laufendem Motor wartet bescheid geben, dass ich aufgeflogen bin?"
"öh, ha, eh, nein, so ist das natürlich nicht gemeint, ich sprach schon nicht von Schweizern-"
"-ja aber dann wäre die Aussage ja schwerst senil? Das wäre wie wenn man "Frauen und Lesben" sagen würde?" (womit die Frauen im Raum aufhorchten, und den Referenten ins Visier nahmen... ein falsches Wort...
"äh öh ja..."

Nun ja, wir liessen ihn schliesslich das Thema wechseln und steckten ihm in der Pause den Kopf in die Toilette. Die Frauen spülten. Und die Schwarzen machten die Lesben an.

Wenn im Kurs jeweils zu wenig Action los war, holte ich mir meine Dosis Spass einfach im Zug mit den Pendlern und umgekehrt. Bei der einen Fahrt traf ich 2 Freunde an und hockte mit ihnen in einem Abteil. Uns war langweilig und ich beschloss ein bisschen auf Kosten eines Pendlers Spass zu haben. Ich instruierte meine Freunde und wir wartenten bis zum nächsten Halt, wo wieder neue Leute zusteigen würden. Dann gings los, da kam er durch den Gang marschiert: Ein herrliches Exemplar von Pendler, Anzug, nervöser Blick und Aktentaschen...

Just in dem Moment als er bei uns ankam, zogen wir gleichzeitig die Fahrkarten, Halbtax und GAs raus und hielten sie ihm wartend hin. Er erschrak ein bisschen, stockte, doch realisierte was da lief. "öhm, aber ich bin nicht der Kontrolleur.." und ganz unschuldig erwiederten wir: "uh, äxgüsi, unser Fehler..." Natürlich ging das grosse Gelächter los nachdem er weg war, doch wirklich lustig war ihn danach zu beobachten wie er krampfhaft in Tunnels, wenn er das Zugfenster als Spiegel benutzen konnte, an seiner Garderobe rumzog und sich betrachtete und daran zweifelte für das grosse Meeting heute korrekt angezogen zu sein.

Was haben wir also gelernt? 2 Dinge:

Erstens: Zugfahren muss nicht langweilig sein.

Zweitens: Wenn Terroristen jemals Zürich angreifen, werden sie eine Schar von Selbstmordgärtnern in die Stadt entsenden, die unter Bäume rennen und das Laub runterschütteln. Das Chaos indem die Stadt untergehen wird, wird grausam sein und an den Untergang Babylons erinnern.

Eine Zürcher Anti-Terror Einheit
bei der Arbeit. Eindrücklich!

Wenn Ihr also nächstes mal unterwegs seid, haltet Euch an die Grundregeln und vergesst nie: In der heutigen Geschäftswelt ist das Überleben keine Selbstverständlichkeit mehr. Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit. Location, Location, Location. Ein Rappen gespart, ist ein Rappen verdient. Der Kunde ist König. Innovation, oder Kastration. Der Kunde ist König. Der Chef der mit allen Wassern gewaschen ist , ist garantiert nicht sauber. Bla bla bla.

-DJ-





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